Cheers to a better you

by Demian

orchid_poem

 

Während ich aufwache, habe ich noch diese ganzen absurden Wörter auf der Zunge, ein paar auf den Lippen, die gerade so noch herauskommen und sofort ihre Bedeutung verlieren. Sie gehören solange mir, wie ich sie nicht freilasse und in mir horte; dem Reality Check mit der Außenwelt halten sie sowieso nicht stand. Sobald sie mich verlassen, gehören sie nicht länger mir; eine Kopie davon wird im Kopf gespeichert, ist aber nur halb so authentisch; eine Kopie wird auch im Kopf des anderen abgespeichert und sieht dann meist ganz anders aus. Wozu noch reden? Aber ich wache ja nur auf, das Gegenüber ist verschwunden und mit ihm all die gesagten Dinge, sämtliche Kopien davon, und ich bleibe als einzige zurück, mit vager Erinnerung, diesem schlechten Duplikat des Ungeschehenen. Gut so, denke ich mir, während ich das Thermometer neben mir aufhebe und beginne, meine Temperatur zu messen.

Das ist nicht der Zustand, in dem man klar ist. Nicht morgens, nicht mit einer Verkühlung, nicht mit dem Dunst und Schleim der Träume letzter Nacht bekleidet. Alles nicht so toll, nicht ganz Ich, eher hormonell bedingt und schwach. Nicht mein Optimum; das zu wissen hilft, die meisten aufkommenden Gedankengänge zu ignorieren. Das Schöne gerade ist, dass ich krank sein kann, darf, ohne besonders viele Menschen dabei zu enttäuschen; einige Absagen, ja, aber kein Zeit- und Personaldruck von irgendeiner Arbeitsstelle. Meinen Soll für den Monat habe ich bereits getan und den Rest der Zeit kann ich mir die Ruhe nehmen, 13 Stunden schlafen, die Welt ignorieren, und das Ganze auch noch vor mir selbst halbwegs rechtfertigen. Die Kopfschmerzen gestern hätten ohnehin nichts anderes zugelassen, und heute fühle ich mich bereits besser. In einer Woche beginnt wieder ein neuer Abschnitt und ich fange diesen im besten Wissen und Gewissen an, dass er allen Beteiligten gut tut. Zweieinhalb mittelschwere Panikattacken und wochenlangen Bangens später ist ohnehin alles sattelfest und nicht mehr so leicht änderbar. Es ist ein Experiment, es sind die Früchte der Gedanken, die ich seit einer ganzen Weile ausbrüte, es ist nichts Unüberlegtes. Alles beginnt im Kopf, mit billigen Kopien von Ungeschehenem, von Möglicherweise-bald-zu-Passierendem, mit Blaupausen schrulliger Idiotien.

Gut. Und nun wäre alles andere perverser Selbstbeschiss. In einer Woche gibt es einen neuen Ort, dessen Zentrum ich selbst bin, in dem ich auf mich gestellt und von mir selbst umzingelt bin; ein Platz, wo es keinen Raum mehr für Ausreden gibt. Ich locke mich selbst in die Falle, aber immerhin gibt es dort Käse. Kein Rotweinzimmer mehr. Ich wache auf und bin allein und die Worte bleiben in mir, die Kopien werden mit der Zeit verblassen. Was bleibt, ist ein Jetzt und ein Ich, mit denen ich umgehen lernen muss und werde. Diese Woche besteht aus den vielen Sekunden, die ich runterzähle, bevor ich den ersten Schritt in den Sturm setze, mit vier Decken und viel Tee und nur halb so dramatischer Attitüde. Ist schließlich nicht das erste Monster dieses Jahr.

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