“I have loved the stars too fondly to be fearful of the night.”

by Demian

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Akemi fragt mich, welchen Tag wir heute haben und ich antworte, ohne eine Sekunde zu zögern. Nach all der Zeit ist dieses Datum immer noch eines, das nicht vergehen kann, ohne dass ich es bewusst wahrnehme (das habe ich letztes Jahr vermutlich auch irgendwo so ähnlich niedergefasst). Ich habe längst aufgehört, Dinge in meinen Kalender zu schreiben. Ich zeichne sie runter, in einen zerknitterten Block, auf meine Handfläche, mit einem X markiert, auf Zettel, die überall herumliegen, als würde mein Leben aus Papier bestehen. Ich höre in letzter Zeit ständig Debussys Bergamasque Suite, alle vier Parts – aber am liebsten natürlich den dritten, der zuerst da war, bis sich rund um den Mond schließlich der Schein der anderen drei Melodien gebildet hat. Paul Verlaine hat ein wunderschönes Gedicht dazu geschrieben, die Stefan-Zweig-Übersetzung ist mir die liebste (er hat das Wort “Zug” eingebracht und manche Stellen sind zum Erschaudern schön). Ich zeichne ein Gesicht, schreibe die Zeilen daneben und hefte es auf meine Pinnwand im Büro, das immer mehr aussieht wie eine Collage an wahnwitzigen Warteprotokollen. Die meisten davon sind dem langsamen Windows XP, meiner Ungeduld und gedanklichen Abschweifungen zu verdanken. Zeichnen beruhigt, Schreiben auch. Zumindest etwas, irgendetwas, das die Hände beschäftigt hält. Hätte ich keine Panik vor Sauerstoffmangel, ich wäre vermutlich bereits Kettenraucher, und den Trick mit dem Kugelschreiber um die Handkuppen kreisen lassen muss ich auch noch perfektionieren.

Ich möchte Zweigs Version auswendig lernen. Es ist nicht die “offizielle”, nicht die geläufige, aber sie ist die eine, die mich ganz und gar trifft. Es ist auch lange her, seitdem ich Gedichte auswendig gelernt habe – Neil Gaimans “Fairy Reel” steckt aber bis heute in meinem Kopf. Eines, das noch aussteht, ist Sarah Williams’ “The Old Astronomer To His Pupil”, das ich alleine schon wegen des Klangs liebe. Letztens habe ich geträumt, wie mir jemand Balladen zitierte, in dieser Wohnung voll Bücher und kistenweise gutem Rotwein; mehr war nicht darin – ein Zimmer voller Wein und Bücher. Wer kennt denn nicht die Bürgschaft noch auswendig? Welche Bücher waren es nochmal? Tawada Yokos Überseezungen lagen ganz oben, mir wurden andere in die Hand gedrückt, gesagt, das ist das Buch für mich, das war aber nicht nur eines. Wie war der Titel, wer war der Autor? Ich kannte ihn, als ich es noch in der Hand hielt (Nachtrag, eine Stunde später: eines davon waren die Fleurs du Mal. Oh.). Im Hintergrund spielte es Lieder von CCR, die ich dadurch auch nicht mehr mag als sonst. Sogar im Traum erwischte mich der Rotwein zu stark, und als ich wach wurde, wusste ich kurz nicht, wo ich bin.

Wo war ich? (HaHa~.) Wie Murakami, mein ewiger Liebling, in einem seiner Bücher, ich weiß nicht mehr welchem (The Wind-up Bird Chronicle?), meinte, es gibt eine Zeit, stillzustehen und es gibt eine, um sich zu bewegen. Ich bin gerade in einem Transit von eins auf zwei, und das Leben kommt wieder in Gang. Möglichkeiten eröffnen sich wie von alleine, Dinge werden klarer und der Kopf leichter. Nur noch ein paar Wochen überleben, noch ein bisschen die Augen schließen, Feuer frei und weiteratmen (Kettcar it is, again). Die Hektik wird nicht weniger, aber die Lösungen leuchten grün in absehbarer Distanz wie Notausgangsschilder. Alles ist gut, alles – auch Watzlawick hat ewig damit recht. Glück ist es, keinen Krebs zu haben.

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